Als Schönheit machbar wurde: Die Anfänge der Plastischen Chirurgie

Was heute täglich in den Medien etwa als Reality-Doku wie „Extrem schön – endlich ein neues Leben“ gezeigt wird, nahm seinen Ursprung schon vor Jahrhunderten. Historikerin Dr. Annelie Ramsbrock sprach im Rahmen der Ausstellung „Bin ich schön?“ im Museum für Kommunikation in Berlin über die Anfänge der Schönheitschirurgie in Deutschland.

In Europa sind bereits ab 100 n. Chr. erste ästhetische Eingriffe dokumentiert, etwa an der Gaumenspalte, im Volksmund auch Hasenscharte genannt, oder sogar die Behandlung von Fettleibigkeit an Personen der gehobenen römischen Gesellschaft. Die ersten bildlichen Darstellungen von derartigen Eingriffen gab es zum Ende des 16. Jahrhunderts. Der italienische Mediziner Gaspare Tagliacozzi hat in einem Lehrbuch von 1597 erstmals eine  Nasen-Operation dokumentiert. Da der Patient seine Nase komplett verloren hatte – vermutlich im Kampf oder durch Krankheit – musste Tagliacozzi sie aus dem körpereigenen Material des Mannes komplett wiederherstellen. Die folgenden Abbildungen zeigen den Mann ohne Nase (Abb. links) und nach dem Eingriff. Für die Materialgewinnung wurde aus dem Oberarm ein Viereck an drei Seiten abgelöst, an die Wunde des Nasenstumpfs angebracht, um dort zu verwachsen (Abb. rechts). Der Patient musste mehrere Wochen mit der Armbeuge-Konstruktion aushalten, bis das Hautstück am Nasenstumpf angewachsen war und die vierte Hautlappenseite am Oberarm vollständig abgelöst werden konnte. Mit seinen Schriften, so Ramsbrock, markiert Tagliacozzi die Entstehung der Plastischen Chirurgie in Europa während der Renaissance. Die Patienten damals, auf den Abbildungen im Buch vorwiegend Männer, litten an Verstümmelungen im Gesicht oder am Körper.

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Nasenplastik vorher. Nach Tagliacocci um 1500. Bild: Gaspare Tagliacotii: De Curtorum Chirurgia per inficionem (1597).
Nasenplastik nachher. Nach Tagliacocci.
Nasenplastik nachher. Nach Tagliacocci (1597).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Deutschland dauerte es noch Jahrhunderte bis die Mediziner Carl Ferdinand von Graefe und Johann Friedrich Dieffenbach Anfang des 19. Jahrhunderts als Wegbereiter der plastischen Chirurgie antraten. Graefe griff dabei auf Tagliacozzis Erfahrungen zurück, die seitdem noch nicht in Deutschland praktiziert worden waren und führte erste Nasenwiederherstellungen nach dessen Lehrbuch durch. Zu jener Zeit gab es aber weder Anästhesie noch Asepsis, so dass der Leidensdruck seiner Patienten enorm groß gewesen sein muss, um diese Schmerzen ertragen zu können. Zudem dauerte die vollständige Wiederherstellung einer Nase nach der Methode von Tagliacozzi ein ganzes Jahr mit mehreren operativen Eingriffen. Dagegen erscheint eine Schönheits-OP heute wie ein Kuraufenthalt.

Straßenschild im Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg. Foto: Ricardo Moreno
Straßenschild im Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg. Foto: Ricardo Moreno

Dieffenbach betrachtete die Wiederherstellungen als Maßnahme zur sozialen Integration in die Gesellschaft. Insbesondere mit der Behandlung von Patienten, die ihre Nase durch Syphilis verloren hatten, positionierte er sich gegen die Annahme der Gesellschaft, dass  diese Krankheit eine Gottesstrafe und Sünde sei. Heute ist es mitunter genau umgekehrt: Besonders die Klatschpresse zeigt gern Prominente nach „verunglückten“ Schönheitsoperationen, die damit ungewollt für Unterhaltung und Aufmerksamkeit sorgen.

Um für die Schönheitsoperationen auf eine „objektive“, messbare Grundlage zurückgreifen zu können, zogen die Mediziner den Kanon von Johann Gottfried Schadow zu Rate, Bildhauer und Grafiker des Klassizismus in Deutschland. Dieser teilte das Gesicht in Sektionen auf, die die Proportionen eines „normalen“ Gesichts wiedergaben. Auch wenn sich die Chirurgen selbst gern als Skulpteure des Gesichts sahen, so dienten diese kunstgeschichtlichen Aufzeichnungen für die Praxis nur als Vergleichsobjekt, nicht als Dogma.

Johann Gottfried Schadow (1764-1850). Aus: Polyklet oder von der Massen der Menschen nach dem Geschlechte und Alter, Berlin 1834.
Johann Gottfried Schadow (1764-1850). Aus: Polyklet oder von der Massen der Menschen nach dem Geschlechte und Alter, Berlin 1834.

Um die Jahrhundertwende verfeinerte und perfektionierte der Berliner Mediziner Jacques Joseph  die äshetischen Eingriffe, in dem er Knochen und Knorpel durch Elfenbein ersetzte und eigene Operationsinstrumente entwickelte. Außerdem verfasste er eigene theoretische Schriften zur Schönheitschirurgie aus seiner Praxis. Denn von da Vinci gab es zwar exzellente bildliche Darstellungen der Anatomie des Körpers, aber das für die Schönheitschirurgie, insbesondere die Nasenkorrekturen so wichtige Detail der Profilansicht fehlte. So entwickelte Joseph den Profilwinkel: Der Winkel zwischen Nase und Gesicht, der im Idealfall bei 30° lag. Das Normalmaß durfte zwischen 22° und 38° variieren. Jegliche Profilwinkel darüber oder darunter galten als abnorm und hässlich. Diese Zahlen, erhoben aus seinen Patientendaten, können als erste empirische Forschung für Schönheitsoperationen gelten.

Profilwinkel nach Jacques Joseph. Aus: Jacques Joseph, Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Nebst einem Anhang über Mammaplastik und einige weitere Operationen aus dem Gebiete der äusseren Körperplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931.
Profilwinkel nach Jacques Joseph. Bild: Jacques Joseph, Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931.

Weiterhin teilte Joseph, der weder Psychologe noch Psychiater war, seine Patienten nach psychologischer Denkweise in vier Kategorien von Typen ein:

  1. Ästhetisch subnormal empfindende Patienten. Dazu zählen diejenigen, deren Gemütszustand selbst durch größere Makel kaum beeinflusst ist und die nur nach geringen Änderungen verlangen.
  2. Ästhetisch normal empfindende Patienten. Sie haben die Fähigkeit, ihre Deformation objektiv einzuschätzen und bilden die große Mehrheit.
  3. Ästhetisch übernormal Empfindende. Diese Menschen seien bereits bei nur geringen Makeln unglücklich und tragen sich teilweise mit Selbstmordgedanken. Besonders häufig handelt es sich dabei um Künstler, Maler, Bildhauer und Kunstfreunde.
  4. Ästhetisch pervers Empfindende. Sie leiden nur unter eingebildeten Deformationen, die Joseph nach Absprache mit einem Psychiater durch „Schein-Operationen“ behandelte.
Profilometer nach Jacques Joseph. Aus: Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Nebst einem Anhang über Mammaplastik und einige weitere Operationen aus dem Gebiete der äusseren Körperplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931
Profilometer nach Jacques Joseph. Aus: Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Ein Atlas und Lehrbuch, Berlin 1931

Joseph hat damit eine Verbindung der psycho-physischen Gesundheit hergestellt, die er mit seiner rekonstruktiven und auch der ästhetischen Chirurgie als ärztliche Aufgabe betrachtete  – damals noch entgegen der medizinischen Fachgesellschaften. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war ausschließlich die medizinische Indikation maßgeblich für das Handeln des Arztes, entsprechend des hippokratischen Eides. Mit der plastischen Chirurgie stand erstmals der Wunsch des einzelnen Patienten im Vordergrund. Nicht sein physischer Gesundheitszustand, sondern dessen psycho-soziale Konstellation entschied über die Notwendigkeit einer Operation.

Der Erste Weltkrieg war dann ein echtes Experimentierfeld auf dem Gebiet der ästhetisch-plastischen Chirurgie. Ein Heer von Kriegsverletzten – allein 300.000 Gesichtsverletzte – bedeutete eine nie dagewesene Herausforderung für die Mediziner, die verstümmelte oder fehlende Gesichts- und Körperteile wiederherstellen mussten. Schönheit mag dabei weniger ausschlaggebend gewesen sein, als ein vollständiges Gesicht. Die stark nachgefragte Operationspraxis verschaffte den Chirurgen erstmals auch medizinische Anerkennung in ihrem Fach.

Zum Ende der Weimarer Republik hieß es im Programm der Schönheitschirurgie, dass sie  „angeborene oder erworbene, subjektive oder objektiv unangenehme oder störende Normabweichungen der äußeren Gestalt beseitigen wollen, die ihre Träger unter ihren Mitmenschen auffällig und in verschiedener Weise minderwertig erscheinen lassen.“  Auch heute noch sind die meisten Eingriffe ästhetisch motiviert und nur wenige (unter 10%) medizinisch empfohlen, laut Jahresbericht 2012 von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGAEPC).

Bleibt immer noch die entscheidende Frage „Was ist eigentlich schön?“. Dr. Ramsbrock stellt dazu abschließend fest, dass Schönheit nicht nur Geschmackssache des Einzelnen und keine ästhetische Konstante sei. „Schönheit unterliegt gesellschaftlichen Ordnungsmodellen und kulturellen Normen und sie ist auch abhängig von medizinisch-technischen Errungenschaften, deren Wandel auch den der Schönheitsvorstellungen und -praktiken erklären lassen.“ Dass das Selbstbild des Menschen nicht nur gesellschaftlichen Normen unterliegt, sondern womöglich denen der Schönheitschirurgie selbst, war damals kein Thema. Heute schon. Beauty-OPs sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen und beeinflussen unser Schönheitsideal – inwiefern sie das tun, zeigt auch die Ausstellung „Bin ich schön?“.

Nächste Station der Wanderausstellung „Bin ich schön?“:
Ab 27.03.2014 im Museum für Kommunikation in Frankfurt/ Oder. Die Bilder und Exponate zeigen die Macht und Machbarkeit von Schönheit im Laufe der Jahrhunderte bis heute.

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3 Responses to Als Schönheit machbar wurde: Die Anfänge der Plastischen Chirurgie

  1. Pingback: NZZ Format – Unter dem Messer – Das Geschäft mit der intimen Schönheit | dokustreams.de

  2. klebefolie sagt:

    Würde auch gerne einen Bodylift durch führen lassen aber trau mich nicht. Habe viel zu viel Angst mich unters Messer zu legen aber so bin ich auch total Unglücklich.
    Gruß Anna

  3. Erstaunlich das die plastische Chirurgie bereits im Ersten Weltkrieg so weit war, das bei den Soldaten verstümmelte oder fehlende Körperteile wiederhergestellt werden konnten. Heutzutage haben wir die Schönheitschirurgie, welche Schönheitsideale je nach Wunsch errichten. Glücklicherweise kann man, bevor man sich dafür entscheidet, im Internet Beispiele sehen mit Voher- und Nachher-Bilder.

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