About Face: Supermodels Then and Now

Wenn Supermodels in die Jahre kommen, dann verschwinden sie meistens von der Bildfläche. Der Film „About Face: Supermodels Then and Now “ tut etwas gegen das Vergessen. Also engagiert man ein Heer von hochrangigen Make-Up Künstlern, Mode- und Hair-Stylisten und inszeniert die ehemaligen Schönheiten im sanft ausgeleuchteten Studio und heraus kommt … ein Hochglanzbild wie in der Vogue. Wir haben uns den Film von Timothy Greenfield-Sanders angeschaut, in dem diese umwerfenden Frauen in erster Linie über ihre Modelkarriere und Schönheit sprechen und nur hauchdünn das Älterwerden berühren.    

ABOUT FACE: SUPERMODELS THEN AND NOW: Hansen, Marshall, Tiegs, Johnson, Taylor, Emerg, Alt, Bjornson, Haddon, Brinkley, Donahue, Alexis. photo: Portrait (c) Timothy Greenfield-Sanders/courtesy of HBO
ABOUT FACE: SUPERMODELS THEN AND NOW: Hansen, Marshall, Tiegs, Johnson, Taylor, Emerg, Alt, Bjornson, Haddon, Brinkley, Donahue, Alexis. photo: Portrait (c) Timothy Greenfield-Sanders/courtesy of HBO

Als wir in 2010 zum ersten Mal über ehemalige Models als Thema für einen Dokumentarfilm nachdachten,  waren wir von der Einzigartigkeit unseres Ansatzes überzeugt. Umso größer war die Neugier und Erwartungshaltung, als der amerikanische Fernsehsender HBO den Dokumentarfilm „About Face: Supermodels Then and Now“ ankündigte. In Europa ist er bisher noch nicht erschienen.  Für seinen Film versammelt Regisseur und Fotograf Greenfield-Sanders alle großen Namen, die die internationalen Laufstege, Modemagazine und Werbeplakate geprägt haben: Isabella Rosselini, Christy Turlington, Jerry Hall, Patti Hansen bis hin zur Grande Dame Carmen Dell’Orefice. Seine Auswahl begründet der Filmemacher damit, dass „diese Frauen einer besonderen Generation angehören, der Post-1960er, der „freien Liebe“, aber schon kurz vor Aids. Jetzt sind sie der Oberflächlichkeit des Modelns entwachsen und man sieht ihnen an, dass sie ein Leben gelebt haben.“ Endlich mal ein vielversprechender Blick hinter die Kulissen – dachten wir.

In einzelnen kurzen Interviewsequenzen, die klassisch vor schwarzem Hintergrund inszeniert sind, erzählen die Frauen Anekdoten aus ihrem Modelleben. Jerry Hall etwa, Supermodel der 80er und Ex-Frau von Mick Jagger, lacht heute über ihre eigene Zielstrebigkeit, mit der sie alles daran setzte als Model am Strand der französischen Riviera entdeckt zu werden, was ihr auch prompt gelang. Chronologisch werden die Themen Einstiegsalter, Körpermaße, wichtigste Fotografen und Shootings behandelt. In Ansätzen wird auch von den dunkleren Seiten des Business erzählt. Carol Alt, Supermodel der 80er Jahre, erinnert sich noch heute daran, wie ihre Mutter sie nach ihrem ersten auswärtigen Model-Job als 17-Jährige vom Flughafen abholte. Sechsmal lief sie an dem Teenager vorbei, bevor sie ihre Tochter wieder erkannte – so abgemagert und überarbeitet war sie. Insgesamt hallt in den Interviews immer noch die Euphorie darüber nach, ein Teil dieses glamourösen Mikrokosmos gewesen zu sein und bewundernswerten Menschen und Künstlern begegnet zu sein.

About Face: Supermodels Then and Now. Regie: Timothy Greenfield-Sanders. USA, 2012. Foto: HBO.
About Face: Supermodels Then and Now. Regie: Timothy Greenfield-Sanders. USA, 2012. Foto: HBO.

„Ich hoffe, dass ich mit dem Film die Vorstellungen von Schönheit vertiefen konnte.“, so Greenfield-Sanders in der Vanity Fair. Ausnahmslos alle Frauen sahen und sehen auch heute noch außerordentlich gut aus. Unweigerlich ist man darüber erstaunt, dass diese sportlich-schlanken, blendend aussehenden Frauen schon die 50 überschritten haben. Regisseur Greenfield-Sanders, Fotograf von Prominenten und Porno-Stars, hatte bisher nichts mit Modeshootings zu tun, und doch sieht jede seiner Einstellungen und insbesondere das abschließende Gruppenfoto wie aus einem Fashion-Magazin aus. Von dem anfangs postulierten gelebten Leben der Supermodels nach Karriere-Ende sieht und erfährt man im Film kaum etwas. Und auch die Gegenwart der Frauen scheint außer äußerlich marginalen Alterserscheinungen kaum etwas Erzählenswertes zu bieten. Man stelle sich eine Szene mit der stets so eleganten Carmen Dell’Orefice vor, wie auch sie mal ganz banale Tätigkeiten im Haus erledigt. Oder Isabella Rosselini im Atelier, wie sie an ihren Kunstfilmen arbeitet.

Die Rosselini nimmt eine zentrale Rolle unter den Protagonistinnen ein, denn sie äußert als einzige Kritik am Umgang der Gesellschaft mit dem Altern: „Mein sozialer Status nimmt fortwährend ab, denn ich werde nicht mehr zu den A-Parties eingeladen. Meine Tochter schon. Was aus unserer Gesellschaft komplett verschwunden ist, das ist die Weisheit der alten Menschen. Wenn du älter wirst, zählst du nicht mehr. Ich glaube dies ist die größte Angst vor dem Älterwerden.“

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Regisseur Greenfield-Sanders gibt Isabella Rosselini Regieanweisungen. „About Face: Supermodels Then and Now“. Foto: Autlook Filmsales.

Anstatt Themen wie diese zu vertiefen, bleibt Greenfield-Sanders an der Oberfläche. Er fragt Rosselini nach ihrer „Schokoladenseite“, worauf sie sehr unkompliziert antwortet: „Ich mag beide.“ Wahrscheinlich fühlten sich die Frauen bei ihm in guten Händen, wohl wissend, dass er sie ins beste Licht rückt.
Den Film beherrschen die vielen Erinnerungen an die Entdeckung als Model, an wichtige Fotografen, an die ekstatische Zeit kurz vor Drogenexzessen und Aids. Über die Vorgaben der Modeindustrie wird Jade Hobson, von 1971-1988 Fashion Director bei der Vogue, reumütig und sie bekennt, dass auch die Magazinmacher einen Teil der Verantwortung dafür trügen, was aus den jungen Mädchen geworden sei, etwa den Drogenkonsum und das unterkühlte New Wave-Image betreffend.

Die Frauen glänzen mit kurzen Statements, aber es will sich kein echtes Gefühl zu ihnen einstellen, weil ihre O-Töne nur kurze Glanzlichter sind und man vergeblich auf die Brüche, die Wende wartet, die sicher jede dieser Ex-Models durchlebt hat. Irgendwann bemerkt man, wie beliebig und wie gestrig diese Erzählungen werden, die Verklärung der Vergangenheit und die Aufrechterhaltung des Model-Mythos, den wir schon damals bewundert haben. Und mit Fortlaufen des Filmes wird die Ungeduld größer, wann denn nun die „wahren“ Einblicke hinter die Fassade gelingen, die der Regisseur so vielversprechend angekündigt hat. Gestreift wird etwa die von der Branche herunter gespielte Rassendiskriminierung, die China Machado, Pat Cleveland und Beverly Johnson erfahren mussten. Letztere war das erste afro-amerikanische Model auf dem Cover der Vogue im August 1974. Ein heißes Eisen, das sicher bis heute noch nicht abgekühlt ist und für mehr Substanz gesorgt hätte.

Auf eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und den damit verbundenen Ängsten lässt sich der Film nicht ein. Der Fokus liegt auf den Looks sowie auf der Frage für oder gegen Schönheits-Operationen. Hier jedoch gehen die Meinungen der Frauen tatsächlich einmal auseinander. Man bedenke dabei, dass der Film in den USA entstanden ist: Auf der Pro-Seite steht die 82-jährige immer noch modelnde Carmen Dell’Orefice, die es wie eine selbstverständliche „Reparatur“ bezeichnet, die man am Körper wie an einer herunter fallenden Zimmerdecke vornimmt.  Regelmäßige Silikoninjektionen sind ihr Schönheitsgeheimnis, aber sonst nichts. In ihrem abschließenden Statement schwingt auch eher der Triumph über das Altern mit: „Wir wissen, dass wir alle einmal gehen müssen. Aber wenn ich dran bin, dann will ich auf High Heels gehen.“

So sehr auch Jerry Hall das Altern als nicht besonders amüsante Angelegenheit sieht, stimmt sie gegen übertriebene Schönheitsoperationen und für ein natürliches Altersbild: „Ich denke, dass es nicht gut für uns ist Menschen als Vorbilder zu haben, die abschreckend für unsere Kinder aussehen.“ Isabella Rosselini sieht die neuen Schönheitstechnologien sogar als moderne Form des Füßebindens. Diese Passagen verleihen dem Film einen Hauch von Tiefe, leider erst sehr spät und auch nur vereinzelt. Wie viel Potential hätte allein schon darin gesteckt, nur fünf dieser wortgewandten, klugen Frauen an einen Tisch zu setzen und sie über das Thema Schönheits-OPs und Altern streiten zu lassen. Hier hat Regisseur Sanders-Grienfield seine Chance vertan einen wirklich neuen Blick auf den Model-Mythos zu richten.

Auch die NY Times kritisierte, dass der Film nicht die schwierigen Momente der Frauen behandelte, die sie sicher hatten, als sie nach ihren Covergirl-Zeiten in die Jahre kamen. „Some of them tacitly admit that they were lying to us all those years when they helped sell the idea that physical beauty is everything. Yet they don’t tell us how they got to a more tenable place, only that they did get there.“ (Neil Genzlinger in NY Times,  29.07.2012)

Herausgekommen ist eine Hommage an die Protagonistinnen, weniger als individuelle Persönlichkeiten denn als  Model-Ikonen. Für die durchschnittliche Zuschauerin bleibt „About Face“ unbefriedigend, denn er inszeniert wieder nur äußerliche Schönheit und wird damit dem Titel zwar gerecht, hätte aber durchaus einen Blick hinter die geschminkte Fassade und auf die Schönheit gelebten Lebens werfen können.
(SE)

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2 Responses to About Face: Supermodels Then and Now

  1. Irena sagt:

    Kann man den Film inzwischen irgendwo als Stream sehen oder ausleihen?

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